4. Juli 2013

Mit Gefühl

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Mit Gefühl

 

Ständig steht uns irgendetwas im Weg. In der Regel sind es von Menschen gemachte – also gestaltete – Dinge, die mit Absicht dort hinterlassen wurden. Alle diese Dinge treten ständig mit uns in Dialog. Sie sind Träger von Informationen, die wir mit unserem Wissen, das auf Erfahrung beruht, interpretieren können – gemeinschaftliche Erfahrungen nennt man „Kultur“. Daraus leiten wir Handlungsoptionen ab und treffen zielgerichtete Entscheidungen. All das spielt sich überwiegend im Unbewussten ab. Wissenschaftler sprechen von wenigstens zehn Millionen Sinneseindrücken, die unser Gehirn pro Sekunde aufnimmt – nur vierzig davon können vom Bewusstsein gleichzeitig verarbeitet werden. Erst wenn wir vor komplexen, unerwarteten oder neuen Entscheidungen stehen wird das Bewusstsein aktiviert. Doch sind unsere Entscheidungen dadurch rational? In den seltensten Fällen stehen uns überhaupt die notwendigen Informationen für eine rationale Entscheidung zur Verfügung – wer kann schon die Konsequenz einer Handlung vorhersehen? Individuelle Motive, Prägungen und Werte bestimmen mit, ob uns ein Ziel erstrebenswert erscheint oder nicht. Und auch unser kreatives Denken nährt sich aus der, wiederum meist unbewussten Neuverknüpfung von bereits Gelerntem.

Welche Rolle spielt dann das Bewusstsein? – Es gibt uns Sicherheit, indem es uns vorgaukelt, wir hätten aus freiem Willen eine vernünftige Entscheidung getroffen, und uns die guten Gründe gleich mitliefert. Außerdem gibt es uns die Möglichkeit unsere Entscheidungen in Handlungen umzusetzen, Prozesse einzuleiten, Erfolg und Misserfolg zu bewerten und in unserem Erfahrungsschatz bereitzustellen.

Gefühl und Intuition haften, besonders im Geschäftsleben, der Ruf der Beliebigkeit, der Unzuverlässigkeit und des Risikos an. Eine Fehleinschätzung angesichts des komplexen und dynamischen Zusammenwirkens von individuellen biologischen, psychologischen, sozialen und kulturellen Faktoren. Erst seit der Einführung des Begriffs „Emotionale Intelligenz“ (1995) durch den Psychologen und Wirtschaftsjournalisten Daniel Goleman ändert sich bei einigen Entscheidern der Umgang mit dieser wichtigen Ressource.

Die Effizienz von Design, also der Gestaltung der Dinge die sich uns in den Weg stellen, misst sich daran, was es mit dem Menschen macht. Ob es zur Orientierung beiträgt, Informationen oder Werte vermittelt, Begehrlichkeit weckt – letztendlich Handlungen provoziert. Dem Gestalter muss es gelingen den Betrachter auf  der sinnlichen Ebene anzusprechen. Will er dessen gesamte, also auch die bewusste Aufmerksamkeit, erreicht er diese nur durch eine gekonnte Irritation.

Gute Designer verfügen daher neben ihren erforderlichen handwerklichen und technischen Fähigkeiten über ein hohes Maß an Intuition sowie sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Kompetenz. So gelingt ihnen die Gestaltung authentischer Objekte und Medien, die, mit den, ihnen anhaftenden Informationen, in den Fluss der Lebenswelt entlassen werden.

Dort angekommen beginnt die Metamorphose dieser Artefakte (von lat.  arte ‚mit Kunst‘ und factum ‚das Gemachte‘). Sie treten in Interaktion mit ihrem Umfeld und zueinander; rivalisieren, verstärken oder schwächen sich gegenseitig. Die Empfänger (Verbraucher, Betrachter) nehmen sie in ihren Besitz, interpretieren, verändern und gruppieren sie neu. Sie sind letztlich die Designer, die, die Lebenswelt gestalten und so Kultur schaffen. Mit der Zeit verblassen die an der Oberfläche der Objekte haftenden Informationen, werden umgedeutet oder ersetzt, entweder durch ein sich verändertes Umfeld oder durch die Veränderung des Objekts selbst – aus einem Produkt, wird ein Gebrauchsgegenstand, wird Abfall. Manchmal werden einzelne Objekte aus diesem Strom gefischt und ihnen einen neue Funktion – und damit wiederum Information – zugewiesen. So sind z.B. Badewannen auf Viehweiden ihrer ursprünglichen Funktion enthoben – so reizvoll ein anderer Gedanke auch wäre; Hausfassaden werden zu Leinwänden, so mancher einfache Gebrauchsgegenstand wird zur Reliquie persönlicher Erinnerung. Setzt sich ein Trend durch, wird er in den Kreislauf der Neuschöpfung übernommen.

Immer wieder kommt es leider auch vor, dass die Dinge die Menschen in Besitz nehmen, ihnen so Zeit und Identität rauben. Ob sich einschlägige Präsentationsprogramme, wie ein bunter Virus in Vorstandsetagen einschleichen, wo dann, nach oft stundenlanger Arbeit, Vorträge, die Ausschlag gebend sind für Entscheidungen über Arbeitsplätze oder beträchtliche Investitionen, von fliegenden Textzeilen, blinkenden Kugeln oder Urlaubsfotos begleitet werden. Oder junge Frauen zum Opfer viel zu enger, den Bühnen-Outfits ihrer Idole nachempfundenen Kleidungsstücke werden. Eines haben diese beiden Beispiele gemeinsam, wenn wir zulassen, dass Produkte oder Medien beginnen, sich nur noch selbst zu kommunizieren, werden die Informationen widersprüchlich, banal und emotionslos.

Gestaltung: Andreas Voss | Text: Thomas Hilbig

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