4. Juli 2013

Voll geil!

partisan 2013, Texte Post by

thomas1

Die Momente sind selten – aber manchmal läuft es einfach wie von selbst. – Obwohl die Herausforderung nicht gerade einfach ist, hast du jederzeit die absolute Kontrolle. Es läuft glatt, weil du’s einfach drauf hast. Du weißt, was du willst, und es klappt. Irgendwann hast du es geschafft, und egal, wie lange es gedauert hat, kam es dir vor, als wäre es nur ein Augenblick gewesen .

Solche Momente des Glücks nannte der Psychologe, (mit dem schwierigen ungarischen Namen) Mihalyi Csikszentmihalyi: »Flow«. Für seine Forschung befragte er zuerst Extremsportler und Künstler, offensichtlich war die bei diesen Menschen erkennbare Hingabe und die besondere emotionale Bindung an ihre Tätigkeit ein Schlüssel zu höchster Motivation.

Bei der Suche nach der Motivation* stellen sich immer die Fragen nach dem »warum?« und dem »wozu?«.

Ein Wunsch oder Ziel entsteht, wenn ein Individuum aufgrund einer bestimmten Situation spontan einen Antrieb verspürt. Die Situationen, die zu Auslösern werden, und die damit verbundenen Ziele sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Was und ob ihm etwas besonders attraktiv erscheint, hängt von seiner individuellen Disposition – seinen Neigungen und Wertungen – ab.

Motiviertes Handeln entsteht dann aus der Wechselwirkung der individuellen Ziele [wollen], den persönlichen Kompetenzen [können] und den sich aus der Situation ergebenden Handlungsmöglichkeiten [dürfen]. Tendiert einer der drei Faktoren gegen Null, ist kein motiviertes Handeln möglich. Potenzieren sich diese Faktoren bei einer selbst gewählten Aktivität zu einem Maximum, entsteht der »Flow«, die höchste Form der Motivation im Einklang mit sich selbst, der »intrinsischen« Motivation

* ----------------

Wo hat die Lust ihren Ursprung? Nach Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse liegt ihr Ursprung ausschließlich in meist unbewussten sexuellen Motiven. Diese triebhaften Impulse des »Es« stehen dabei im ständigen Konflikt mit dem »Über-ich«, das die Gedanken, Gefühle und Handlungen des »Ich« als moralische Instanz bewertet. Die ursprünglichen Beweggründe werden verdrängt, da sie mit Angst- und Schuldgefühlen behaftet sind.Die Überwindung von Minderwertigkeitsgefühlen angesichts der Herausforderungen in den Lebensaufgaben Arbeit – Liebe – Gemeinschaft sind in der Betrachtung von Alfred Adler der Grund für das menschliche Streben nach Macht, Einfluss und Herrschaft.Bei der Suche nach der Lust im eigentlichen Sinn oder etwas wie der »Freude am Tun«, die wir mitunter im motivierten Zustand erleben, bleiben diese Erklärungen eher unbefriedigend. Durch ihren Ursprung in der psychotherapeutischen Praxis liegt ihr Fokus eher auf inneren Konflikten, Zwängen und Ängsten. Erst in den 50er Jahren veränderte die »humanistische Psychologie« diese Sichtweise und gleichzeitig das damit verbundene negative Menschenbild.In seiner »Bedürfnispyramide« ergänzt Abraham Maslow die Kategorie der D(efizit)-Motive durch die ihnen übergeordneten S(eins)-Motive. Diese Motive stehen für die »Selbstverwirklichung«, die Entwicklung der Potentiale unserer Individualität. »Was Mensch sein kann, muss er sein.« (Maslow, Motivation und Persönlichkeit). Obwohl Maslow seine Thesen nie wissenschaftlich empirisch belegen konnte und man seine Bedürfnispyramide heute, in teils fragwürdigen Zusammenhängen, wiederfindet, hat er einen wichtigen Grundstein in der Motivations- und Entwicklungspsychologie gelegt.

In der »Selbst-Akzeptanz« und der »Selbst-Aktualisierung« – das psychische Bedürfnis sich zu entwickeln – sah Carl Rogers die Antriebskräfte des Menschen. Er griff in den 60er Jahren das Konzept Maslows auf und entwickelte es auch wissenschaftlich fundiert, in seiner klientenzentrierten Psychotherapie, für die psychologische Praxis weiter. Seine Kernthese lautet: »Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellung und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern (…).« Der Klient wird zum Experten seiner selbst. Auf dieser Basis entwickelte er das Konzept der nichtdirektiven Gesprächstherapie. Außerhalb des therapeutischen Umfeldes eignet sich dieser sehr wertschätzende, personenzentrierte Ansatz auch für die beratende Praxis.

Der Trend, sich in der Psychologie bewusst auch mit den positiven Seiten – den Stärken und Ressourcen des Menschen – zu befassen, setzte sich fort. In den 90er Jahren erforschte der Psychologe MihályCsíkszentmihályi den Zustand des »Flow« als eine Tätigkeit, in der »der Mensch, der sie vollzieht, kreativ und gestalterisch wirkt, […] darin aufgeht und darin seinen freien Ausdruck findet«.

----------------

 

thomas2

Doch die wenigsten unserer Aktivitäten sind selbstbestimmt*. Die Gesellschaft in der wir leben, unser persönliches Umfeld, Familie, Ausbildung, Beruf diktieren und kontrollieren Aktionen und Verhalten. Nicht immer haben wir Lust, diesen Anforderungen zu genügen. Diese von außen wirkende »extrinsische« Motivation wirkt weniger stark, weil sie möglicherweise nicht mit unseren Motiven übereinstimmt [»Ich will das nicht!«, »Was habe ich davon?«], weil wir uns der Aufgabe nicht gewachsen fühlen [»Ich kann das nicht!«], weil wir die Erreichbarkeit unseres Zieles in Frage stellen [»Das lässt doch keiner zu.«, »Was soll das denn bringen?«], oder gleich mehrere dieser Faktoren. Hinzu kommt – je geringer die Motivation ist, umso höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns von anderen attraktiveren Zielen ablenken lassen.

»Ich kann, was ich muss, weil ich will!« soll Imanuel Kant gesagt haben. Die Suche nach der Quelle bleibt jedoch erfolglos – vielmehr findet man eine Vielzahl von Wandtattoos für Jugendzimmer. Auf den ersten Blick stellt dieses Zitat die Faktoren der Motivation auf den Kopf, da der Wille nicht Auslöser sondern Mittel zu sein scheint. Tatsächlich handelt es sich hier nicht um Motivation in ihrer Gesamtheit, sondern um die letzte, tatsächlich oft entscheidende Willenskraft – die Fokussierung auf das Ziel, die das Durchhaltevermögen stärkt und störende Einflüsse ausblendet. Eine aktive Form der
Motivationskontrolle, die Volition.

Die Volition wird erst wirksam, wenn der erste »entscheidende« Schritt bereits getan ist – der Entschluss ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Jede Entscheidung, die wir treffen, ist emotional und entsteht aus dem Zusammenspiel von unbewusster, in unserer Persönlichkeit verankerter Bewertung und Verhaltensbereitschaft. Obwohl wir uns auf eine gewisse Kontinuität in unserer Erfahrung verlassen [»Es ist noch immer gut gegangen.«], haben wir tatsächlich keine Erfahrung mit der Zukunft. 

* ----------------

1. Externale Verhaltensregulation
Die externe Verhaltenskontrolle ist sehr stark, die Ursache für eine Handlung liegt außerhalb der Person, Autonomie des Handelnden ist kaum vorhanden, das Verhalten wird als kontrolliert empfunden. Dies sind Handlungen, um eine Belohnung zu erhalten oder Bestrafung zu vermeiden.

2. Introjizierte Verhaltensregulation 
Die externe Verhaltenskontrolle ist stark, die Autonomie des Handelnden ist gering. Das heißt, die externen Bedingungen sind zwar verinnerlicht, werden aber nicht vollständig akzeptiert. Es besteht ein Empfinden, dass die Ursache für das Handeln außerhalb der eigenen Person liegt, nicht kontrolliert aber einem inneren Druck unterliegt. Diese Handlungen werden ausgeführt, um Schuld- oder Schamgefühlen vorzubeugen.

3. Identifizierte Verhaltensregulation
Die externe Verhaltenskontrolle ist schwach, die Autonomie des Handelnden ist deutlich vorhanden. Die externen Einflüsse werden als Handlungsziele angesehen, als persönlich wichtig eingestuft und bewusst übernommen. Diese Handlungen gehen einher mit Akzeptanz, Identifikation und Übereinstimmung mit der Tätigkeit.

4. Integrierte Verhaltensregulation
Es gibt so gut wie keine externe Verhaltenskontrolle, die Autonomie ist sehr hoch. Ziele und Werte der Tätigkeit sind fest im Selbstkonzept verankert.

Quelle: Wikipedia

----------------

 

thomas3

Die ersten einschneidenden Erfahrungen mit externer Verhaltenskontrolle machen wir spätestens mit der Einschulung. Unser Bildungssystem* baut auf einer Form der Motivation auf, die ein hohes Maß an Volition erfordert. Das Lernen wird durch den Stunden- und Lehrplan bestimmt, die Form des Lernens ist vorgeschrieben und lässt kaum Raum für eigene Herangehensweisen. Das Verhalten wird kontrolliert. Wir handeln, um eine Belohnung, in Form von Anerkennung und guten Zensuren, zu erhalten oder Bestrafung zu vermeiden.

Doch auch in Systemen, in denen eine Handlung als Mittel dient, ein Ziel zu erreichen, also nicht in der Person selbst ihren Ursprung hat, ist ein sehr hoher Grad an positiv empfundener Motivation möglich. Voraussetzungen sind: die Vereinbarkeit der Ziele mit den persönlichen Werten und Motiven** [wollen], individuelles Kompetenzerleben [können] und ein hohes Maß an Autonomie bei gleichzeitiger sozialer Eingebundenheit [dürfen]

In Bereichen, in denen es um die Zusammenarbeit von Menschen geht, auch im pädagogischen Kontext, führt die Berücksichtigung dieser Faktoren durch die Verantwortlichen zu mehr Identifikation, Effizienz und Zufriedenheit.

Für den Einzelnen bedeuteten Selbst-Erkenntnis und Selbst-Akzeptanz, das Wissen um Eigenschaften, Dispositionen, Kräfte, Werte des Selbst [Was will ich wirklich? Was kann ich? Welche Aktivitäten sind mir sinn- und wertvoll?], wesentliche Ressourcen, um intrinsische Motivation und Lebenszufriedenheit anzustreben.

* ----------------

Der Autor Thomas Mann, der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der Rapper Sido – um nur einige Beispiele für viele einflussreiche und kreative Persönlichkeiten zu nennen – haben vor ihrem Abschluss die Schule verlassen und hatten auch später nicht selten Probleme mit Autoritäten. Menschen, die offensichtlich mit hoher Motivation ihre Ziele verfolgen, haben auffallend oft ungewöhnliche Biografien.

** ----------------

Jeder Mensch verfügt über individuelle, innere Persönlichkeitseigenschaften, die sein Denken, seine Aufmerksamkeit und seine Wahrnehmung prägen. Vieles spricht dafür, dass diese Traits oder Grundmotive, auf der Grundlage genetischer Prägung und frühkindlicher Prägungen, lebenslang stabilen bleiben. Als Werkzeuge für Coaching und Personalberatung erfassen das amerikanische Reiss-Profile RP und die deutschsprachige, wissenschaftlich validierte und normierte MotivStrukturAnalyse die individuelle Motivstruktur eines Menschen.

----------------

partisan 2013, Texte post by .

Share Post

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


× neun = 72

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>